Nicht nur das Kind wächst, sondern bestenfalls auch der Rahmen in den ich es gestellt habe.

 

Es ist normal und verständlich, dass man im Leben mit dem Kind Konzepte erstellt. Man hat gewisse Erfahrungen gemacht, was gut funktioniert und was nicht. Doch dann kommt der Tag, an denen das konzeptionelle Gedankenkonstrukt nicht mehr funktioniert. Dann ist die Frage, ob man entstehende Probleme über das Kind stülpt, oder ob man selbst lernt, einen gesteckten Rahmen zu erweitern?

Wenn man als Eltern hier in Deutschland lebt, dann kann man vielleicht den Eindruck bekommen, dass man alles kontrollieren kann. Wir haben Autobahnen, die uns eine schnelle Reise ermöglichen. Wir haben Züge, die in der Regel auch um die geplante Zeit das gewünschte Ziel erreichen. Und wenn ich in den Supermarkt gehe, dann finde ich ich meistens auch das gewünschte Produkt im entsprechenden Regal. Vielleicht habe ich sogar eine Versicherung abgeschlossen, die mir eine gewisse Sicherheit geben soll. Im Fall der Fälle, du verstehst bestimmt, was ich meine?
Wenn ich hier lebe, dann erscheint es so, dass das Leben organisiert und kontrollierbar ist.

Bei all den angenommenen Sicherheit komme ich kaum je auf die Idee, Konzepte und Strukturen zu hinterfragen. Vielmehr ist es so, dass mein Verstand ganz leicht und fast automatisch versucht verlässliche Konzepte und Strukturen zu bilden, die es mir erlauben könnten meinen Alltag zu erleichtern.

Doch dann kommt ein Kind in mein Leben und stellt unter Umständen schon während der Schwangerschaft gewohnheitsmäßig gebildete Datenautobahn im Kopf, auf den Kopf. Ich versuche zunächst dieses Bündel Leben in eine Form zu fassen, von der ich glaube, dass ich diese, mit meinen alten Strukturen kontrollieren und leiten könnte.

Gerade gestern habe ich eine junge Mutter getroffen, die mir in den Minuten unserer Begegnung genau beschrieben hat, wie sie es tut, dieses Kind zu organisieren. Für sie war es selbstverständlich, das Kind in diesem Zeitrahmen, der sich in nur wenigen Monaten nach der Geburt gebildet hat, zu organisieren. Für sie war es ebenfalls bedeutsam diesen Rahmen möglichst nicht zu verlassen.

Ich bekam folgende Informationen:

„Die Kleine schläft bis 15 Uhr, dann wird sie wieder Hunger haben.“

„Nachts kommt sie gegen 4 Uhr, dann stille ich sie und dann schläft sie wieder lange ein.“

In unserem Gespräch hat sich gezeigt, dass sie diese Struktur nicht verlassen wollte und das Leben, so wie es sich im Moment unserer Begegnung gezeigt hat, zulassen oder einladen wollte.
Das hätte bedeutet, dass sie die Strukturen, die sie mit dem Kind gebildet hat, hätte verlassen müssen.

Ich kenne diese Zeiten selbst noch recht gut, in denen ich geglaubt habe, dass ich die Welt anhalten müsste und mich und mein Kind in eine gewisse Struktur zu bringen. Seinerzeit habe ich Angst und Sorge gehabt, dass, wenn ich diese Struktur verlassen würde, mir die Organisation und die Kontrolle über das Kind, seinen Schlaf und seine Grundbedürfnisse, entgleiten würde.

Ich bin als Elternteil also sehr leicht dazu verleitet zu glauben, dass ich ein Kind nur in gewisse Konzepte hineinbewegen müsste und schon hätte ich alles unter Kontrolle.
In Bereich Erziehung und Lernen ist das zwar nachzuvollziehen und durch unsere erlernte Art, Konzepte zu bilden, sogar verständlich.

Doch irgendwann, in der einen Familie früher und in der anderen Familie später, will sich das Leben seine Bahn brechen. Eltern kommen ganz unmittelbar an die Grenzen der Konzepte, die sie selbst erstellt haben, um sich eine Sicherheit aufzubauen.

Das ist das Thema, mit dem ich immer wieder zu tun habe. Eltern erstellen Konzepte, von denen sie glauben, dass sie ihnen Sicherheit geben, doch das Kind sprengt irgendwann einen Rahmen und das Kartenhaus fällt zusammen.

  • Da ist das Kind, dass zu Anfang immer um die gleiche Uhrzeit wach wurde oder einschlief. Doch jetzt tut es dass nicht mehr.
  • Da ist das Kind, dessen Eltern diese gesunde Ernährungsrichtung favorisieren, so lange es klein ist, macht das Kind das mit, doch nun entwickelt es eigene Vorstellungen, was es gerne essen möchte und was nicht.
  • Das ist das erste Kind. Es ist ein ruhiger Vertreter. Es macht den Eltern das Leben leicht. Man hat den Eindruck, alles im Griff zu haben. Doch dann wird das zweite Kind geboren und schon nach wenigen Wochen stellt sich heraus, dass alles, was man je zu wissen meinte über das Leben mit Kind, nicht mehr funktioniert.
  • Die älteste Tochter ist eine richtige Leuchte in der Schule. Um Hausaufgaben und alle muss man sich kaum kümmern. Sie ist ein richtiger Selbstläufer. Das jüngste Kind sorgt auf unnachahmliche Art dafür, dass man jede zweite Woche ein Elterngespräch hat. Unter Umständen muss er die Schule verlassen, weil er angeblich dort nicht mehr tragbar ist.
  • Bis vor drei Wochen noch hat der dreijährige jeden Tag einen Mittagsschlaf gehalten. Das war eine für die Mutter bedeutsame Zeit. Doch das ist jetzt partout vorbei. Am Spätnachmittag ist er dann so quengelig, dass es kaum noch auszuhalten ist. Man kann ihn doch dann nicht mehr ins Bett legen. Dann ist der ganze Abend ruiniert?

Um es mit einem Bild auszudrücken. Man hat das Kind genommen und hat es in einem Gedankenkonstrukt (in einem Rahmen) festgezurrt, dass man selbst erstellt hat. Dann ist man irritiert, dass das Leben sich einfach weiterbewegt hat und das Kind sich weiterentwickelt hat und man selbst ist aber im Gedankenkonstrukt gefangen. Das möchte man nicht gerne abgeben, hat es doch einst so eine enorme Sicherheit gegeben.

  • Plötzlich braucht das Kind eben weniger Schlaf, weil es älter geworden ist. Dann braucht es vielleicht mehr Schlaf, weil es eine Krankheit ausbrütet, oder einen Entwicklungssprung macht.
  • Da ist das Kind, dass mehr und mehr seine eigene Identität heraus kristallisiert und dann plötzlich das gesunde Essen verschmäht und Farb- und Konservierungsstoffe für wenig bedenklich hält. „Die anderen machen ja auch nicht so eine Gedöns um das Essen, wie meine Familie“ , muss man sich dann anhören.
  • Da ist das zweite Kind, das nun mal ein anderes Kind ist, als das erste. Das möchte man aber nicht so recht glauben, denn man hat ja viel Ego investiert in die Vorstellung, dass man alles richtig gemacht hat. Nun kann man sich kaum vorstellen, dass das zweite Kind ein ganz anderes Wesen hat und damit auch eine andere Form von Beziehung sucht.

Und irgendwann kann man den Alltag, den Schlaf und Verhaltensweisen des Kindes nicht mehr kontrollieren, auch wenn man es gerne glauben mag.

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In all den Beispielen zeigt sich für mich, dass das Leben, dass sich ganz ungeschminkt und kraftvoll im Kind ausdrückt, sich die Bahn brechen möchte. Die Herausforderungen im Alltag mit den Kindern, sind im Grunde dazu da, dass die Erwachsenen aufwachen.

Wenn man dazu tendiert, die Kinder in den eigenen Konzepten ‚festzunageln‘, dann tendiert man dazu einzuschlafen. Man will nicht recht verstehen, dass man sich ändern und weiterbewegen muss, um wieder im Fluss zu sein.

Als Eltern versucht man, die Kinder in den Schlaf zu manipulieren, dass gesunde Essen unterzujubeln, man beschwert sich bei anderen, dass das erste Kind ja so und so  sei und man gar nicht verstehe, warum das zweite Kind so anders sei. Man redet und denkt und denkt und redet und versucht auf diese Weise das selbst konstruierte Konzept aufrecht zu erhalten.

In der Zwischenzeit werden die Probleme größer, die Maßnahmen übergriffiger und man mag nicht verstehen, dass es im Grunde nur das Leben war, dass gerne im Fluss bleiben wollte. Die kleinen Kinder sind noch so unmittelbar das pure Leben und das ist in vielen Fällen schwer in Konzepte zu binden. Im Grunde rufen uns die Kinder tag täglich dazu auf unsere Gedankenkonstrukte zu hinterfragen und uns dem ursprünglichen Leben, dass immer im Fluss ist, anzunähern.
Die Herausforderung ist, dass ich mich als Eltern dehne und weite, statt, die Kinder in Konzepten ‚festzunageln‘.

Wann immer du also erlebst, dass, es anstrengend ist und die Kinder plötzlich nicht mehr in das Bild passen, dass doch vorgestern noch stimmig war, könnte es eine gute Idee sein, einen Moment anzuhalten und stille zu werden.

Die Frage lautet dann nicht mehr, wie kriege ich es hin, dass das Kind wieder in den Rahmen passt, sondern vielmehr: Wie und wo kann ich mich dehnen und weiten, damit wir alle in den ständig wachsenden oder sich verändernden Rahmen passen?

Vielleicht hast du es schon erlebt, wie auf einmal, ohne dass du es erklären könntest, wieder Leichtigkeit und Bewegung entsteht, wo zuvor Starre und Stress war?

Ich persönlich kenne es, dass Dinge wieder in Fluss geraten, wenn es mir bewusst oder auch manchmal unbewusst gelungen ist, geschmeidiger zu sein und den von mir zuvor gesteckten Rahmen zu erweitern.

Ich wünsch dir viel Erfolg dabei und lese auch gerne deine persönlichen Erfahrungen dazu.

 

Hier kannst du dich über mein nächstes Tagesseminar in der Köttingermühle informieren. Vielleicht bist du dabei?

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