‚Loving backbone‘ in Erziehung. Oder wie man allgegenwärtige Verunsicherung überwindet.

Am Wochenende hatte ich eine Jugendgruppe zu Gast hier in der Mühle. Das Gelände hatte sich in gewisser Weise in ein Zeltlager verwandelt.

Diese Jugendgruppe war schon zum zweiten mal zu Gast hier und ich hatte wieder einmal Gelegenheit bemerkenswerte junge Menschen kennenzulernen.

Vermutlich würdest du nicht glauben, wie friedvoll und ruhig diese Tage waren. Es waren alles Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 19 Jahren, die unter sehr schwierigen Bedingungen aufwachsen müssen und in einigen Fällen darüber hinaus auch noch schwere Krankheiten haben. Sie bedürfen der besonderen Betreuung, bis sie lernen, diese Dinge eigenverantwortlich zu handhaben. Eine doppelte Packung, wenn du so willst.

Es ist ganz sicher dem Vertrauen und Wohlwollen dieser sehr erfahrenen Betreuer zu verdanken, (und dem besonderen Ort ‚Köttigermühle‘ -grins-), dass hier eine so ruhige und ausgeglichene Stimmung auf dem Hof war.

Ich konnte mich gar nicht satt sehen, dabei die Menschen zu beobachten. Es waren so schöne Begegnungen, kurze Gespräche und Beobachtungen.

In ihrer Einrichtung haben sie im normalen Alltag sicherlich ein sehr getaktetes Leben zwischen institutionellen Rahmenbedingungen, Schule, Therapien, Arztbesuchen, Bettgezeiten und Freizeitveranstaltungen. Vergleichbar mit eben den Verstrickungen, mit denen wir alle zu tun haben. Vermutlich haben auch sie wenig Zeit für einfach SEIN dürfen.

Das war es genau, was deren Betreuer hier auf der Mühle für ihre Schützlinge wollten. Sie hätten in diesen Tagen natürlich auch ein fettes Programm abziehen können. Sie hätten die Möglichkeiten dieser Gegend voll und ganz ausschöpfen können.

Eine Fahrt auf der Lahn, ein Besuch im Museum, in den Tropfsteinhöhlen, hin zum Tiergehege und ab zum Kletterpark.
Aber nein, das war nicht deren Absicht. Da war die Mühle, die Wiesen, die Tiere, das Essen, ein paar Fussbälle, zwei kleine Ausflüge-das wars.

Dazwischen war Raum für all die Begegnungen und Möglichkeiten dieser Gruppe, die sich in deren institutioneller Heimatumgebung vermutlich kaum ergeben können, da einfach Alltag ist.
Hier ist ein Raum für Beziehung entstanden, für Gespräche, für Spiele, für Auseinandersetzungen und kleine Streitereien. Das ganz normale Chaos eben. Ein Chaos, was vielleicht anders ist, als das Alltagschaos. Darin liegt der Zauber.

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Die hauptverantwortliche Betreuerin hat eine langjährige Beziehung zu ihren Kids, die es ihr ermöglicht diese schwierigen Kinder an langen Leinen laufen zu lassen. Da war nicht alles durchgeplant und auf Listen aufgeschrieben, sondern sie hat es verstanden auf vertrauensvolle Art, das stinknormale Leben herein zu lassen. Das, was eben alles passiert, wenn man in einer Gruppe unterwegs ist, die ein so problematisches Potential haben kann, dass so mancher Verantwortliche sich nicht einmal mit dreien dieser Kids alleine irgendwo hinbegeben würde. Geschweige denn in eine Zeltfreizeit, noch dazu ohne festen Plan.

Ich war wieder berührt, wie respektvoll, diese jungen Menschen hier mit den Tieren, Gegenständen und auch mit mir umgegangen sind.

Die Kids haben, obwohl sie sicher auch ganz andere Erfahrungen in ihrem Leben haben, mir so viel Positives entgegengebracht, dass ich einfach immer wieder nur staunen musste.

  • Man hat sich bei mir entschuldigt, weil man einen meiner Gegenstände versehentlich kaputt gemacht hat (Kind 8 Jahre)
  • Man hat sich bei mir persönlich bedankt, weil ich ein veganes Gericht für sie gekocht hatte (junge Frau 19 Jahre)
  • Man hat versucht 😉 sich an die Hausregeln zu halten, die ich von meiner Seite, für die Freizeit aufgestellt hatte.

Ich schreibe dir das, denn es ist ‚draußen‘ so oft die Rede, von diesen schwierigen jungen Menschen, die eine härtere Hand bräuchten, oder mehr Disziplinierung oder ausgeklügelte Strafen, die jetzt ja auch immer mal gerne Konsequenzen genannt werden.

Ich habe hier durchaus eine Menge ‚Loving-backbone’ wahrgenommen. Es wurden ganz klar auch persönliche Grenzen vermittelt, ‚nein‘ gesagt, ‚das will ich nicht‘, ‚jetzt möchte ich aber, dass du…‘, ‚mach das jetzt‘, ‚du musst noch….‘ usw.

Mit ‚Loving-backbone‘ meine ich dieses feine Spiel zwischen dem Vertrauen in die ‚Richtigkeit‘ eines jungen Menschen und die Haltung ihn in seinem Sein zu respektieren, ihm die Möglichkeit zu geben, sein Innerstes, sei es auch noch so verletzt, zum Ausdruck zu bringen. Im Gegensatz zu dieser mehr fließenden und wohlwollenden Haltung, aber auch eine gewisse Form von Widerstand zu bieten. Einen guten festen Widerstand eben, der es einem Kind ermöglicht, seinen Platz zwischen gewissen unverrückbaren Eckpfeilern/ Begrenzungen zu finden. Sich auch innerhalb der Begrenzung zu finden, die andere Menschen vorgeben.

Beides eben. Das Fließende und das ‚Statische‘. Oder anderes ausgedrückt. Mit ‚Loving-backbone‘ meine ich so etwas wie das Anerkennen der Tatsache, dass es in Erziehung und Lernen eben die Welle und das Teilchen gibt. Das wir uns weg bewegen von diesen statischen Ideen und nun auch das Fließende und das wenig ‚Richtige‘ oder ‚Starre‘ mit ins Bild nehmen. Das sind für mich die Herzens- und Beziehungsqualitäten, die nun weiter ins Bild rücken.

Dieses Einfließen der Herzensqualitäten verunsichert viele Menschen. Sie verlieren ihre Sicherheit, denn die starren Regeln geben den Eltern und Pädagogen keinen Halt und keine Sicherheit mehr von außen. Die schwierige Aufgabe liegt darin, diese Sicherheit in Erziehungsfragen in der eigenen, sicheren guten Verbindung zur inneren Wahrheit zu finden, sei es auch noch so verunsichernd im Moment.

Ich hatte in den vergangenen Tagen, mit der Jugendgruppe, wieder viel gute Gelegenheit gelebte Erziehungsweisheit zu erfahren und zu beobachten.

Mir war es ein Anliegen, dich ein Stück teilhaben zu lassen, an meiner Erfahrung, dass (Erziehungs)-Weisheit sich oft in den unscheinbaren Kleinigkeiten zeigt.
Es ist also hilfreich, sich mit den eigenen Ansprüchen nicht all zu große Berge vor sich aufzuschütten. Hohe Berge, die man kaum zu erklimmen vermag.

Es ist vielmehr hilfreich, sich mit den machbaren Kleinigkeiten zu beschäftigen. Das, was man tun kann, um Kindern Wohlwollen und Vertrauen entgegenzubringen. Davon so viel und so gut es eben geht.

Hier findest du meine Angebote. Gerne kannst du mir auch schreiben, um einen ersten Kontakt mit mir aufzunehmen.

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2 Responses to ‚Loving backbone‘ in Erziehung.

  1. Liebe Uta,

    ein wirklich gelungener Beitrag zu unserer Zeit auf deiner Mühle! Es ist wirklich einfach nur „Zeit“ die wir und unsere Schützlinge brauchen. Zeit der Ruhe, Zeit des Nichtstun in der Gemeinschaft. Die Natur, die Tiere, die Stille, keine Termine. Dass ist es was die Köttinger Mühle ausmacht! Ein ♥ liches Dankeschön für diesen Ort und dass wir dasein durften. Wir kommen wieder!

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