Geschwisterkinder. Mit voller Windel mitten durchs Herz

 

In diesem Betrag beschreibe ich, beispielhaft an einer Situation im Leben mit den Kleinsten, dass man durch noch so tolle Erklärungen und Verstandeskraft keine Emotionen überpinseln kann.

 

Das neue Baby ist da und alle geben sich Mühe in der Familie. Die Eltern haben das älteste Kind so richtig gut vorbereitet. (So meinen sie)
Sie haben von dem neuen Baby erzählt, das bald kommt. Sie haben dem Kind ‚beigebracht‘ Mamas Bauch zu streicheln, weil da ja das Baby drin ist. Sie haben erklärt, warum die Mama nun nicht mehr so schwer tragen kann. Sie haben, wie in unserer Gesellschaft üblich, allerhand Worte und Erklärungen abgegeben. Sie haben den Verstand gefüttert und damit die unausgesprochene Erwartung, dass die Älteste das ja nun verstehen müsste.

Und obwohl Eltern sich so viel Mühe gegeben haben und alles ‚richtig‘ gemacht haben, wird die Not über die Wochen trotzdem größer. Kind Nummer eins reagiert natürlich völlig anders. Nach den ersten Minuten und Tagen der Freude über das neue Baby , kriechen dann so langsam die Emotionen in die Familie. Der Emotions-Cocktail besteht aus einigen Millilitern. Von jedem Familienmitglied ein kleiner Schluck.

  • Da ist das ältere Geschwisterkind, was wütet und mit Gegenständen schmeißt.
  • Da ist das ältere Kind, was wieder in die Windel macht, obwohl es längst schon trocken war.
  • Da ist dieser kleine Wirbelwind, der das Baby zwickt, wenn er sich unbeobachtet fühlt oder einfach mit viel zu viel Kraft und Unbedachtheit in der Gegenwart des Babys wirkt.
  • Da ist die Mutter, die zunächst noch nicht weiß, wie sie ihre Aufmerksamkeit so aufteilen kann, dass jeder etwas abbekommt, sie selbst eingeschlossen.
  • Da ist der Vater der viel tragen will und vielleicht auch muss, aber es unter Umständen ganz ungewohnte Tagesabläufe sind. Die geballte Ladung der Emotionen in der neuen Familienzeit sind einfach viel zu ‚täckeln‘.

Die Eltern müssen ständig aufmerksam sein und das Kleinste in Schutz nehmen.
Als ob sie damit Öl ins Feuer gießen, wird alles nur noch anstrengender.

Alles staut sich, eventuelle Krankheiten der Einzelnen geben der Situation den Rest.

Kommt dir das bekannt vor?

Die Umstände sind mit Sicherheit vielschichtig, warum es in heutiger Zeit so schnell zu gewissen Überforderungssituationen kommt. Diese derzeitigen Kleinfamilien-Strukturen haben einen Anteil daran. Der Verlust von natürlichen Herangehensweisen, der Verlust von der Bedeutung der Zeit für natürliche Abläufe und Erfordernisse. Dazu zähle ich auch das Wissen, um die Bedeutung des Wochenbettes für die Seele einer Frau. Auch die Veränderung der wirtschaftlichen Grundlagen in der Familie, die Themen um Sicherheit und das ‚funktionieren müssen‘. Dies und noch viel mehr hat einen Einfluss darauf, warum Kindheit heute so schnell mit Stress verbunden ist.

Heute will ich mich nicht auf diese Umstände konzentrieren, aber wollte sie erwähnt haben, denn sie machen das große, ganze Bild runder und verdeutlichen die Tretmühle, in der sich junge Eltern befinden.

Vielmehr möchte ich mit unmittelbaren und grundlegenden Gedanken befassen. Ich möchte ein paar kleine Anregungen geben, die den Alltag erleichtern können. Ein Umdenken unterstützen und ein wenig Hilfestellung in dieser turbulenten Zeit geben können.

Wie oben erwähnt, hatten die Eltern alles getan. Sie hatten sich so viel Mühe gegeben. Sie haben Erklärungen geliefert und besten Wissens vorgebaut, weil sie ein Vorstellung gebildet hatten, was passieren würde, wenn das nächste Kind zur Welt kommt. (Sie haben ein Wissen im eigenen Herzen)

Was sie nicht erahnen konnten war, dass sie lediglich den Verstand des Kindes gefüttert haben. Sie haben der falschen Vorstellung aufgesessen, dass alle in der Familie verstehen und dann verstandesmäßig handeln würden. Aber das ist nicht so!

Da sind die Emotionen, die gerade in einer so wandelträchtigen Zeit, vom kleinen Bächlein zum reißenden Wassergraben werden. Und das ist die Ebene, die in diesen Tagen und Wochen in der Familie offen liegt. Sie ist sehr verletzlich. Diese Ebene braucht gute Aufmerksamkeit.
Was also hilft, ist eine gewisse Form von Anteilnahme und Verständnis gerade für die emotionalen Handlungen. 
Leicht gesagt, wenn das ältere Kind dem Neugeborenen ein Spielzeug über den Kopf hauen will?
Dann liegen die Nerven schnell blank. Bei allen.

Wenn dein Kind stürzt und eine offene Wunde am Knie hat, wirst du vermutlich Trost spenden. du wirst es auf den Schoss nehmen und halten und trösten. Vielleicht wird dein Kind nach 5 Minuten vom Schoss springen und weiter spielen.

Die Wunde, von der ich spreche, wenn das Geschwisterkind geboren wurde ist unsichtbar. Man sieht sie nicht. Man glaubt, dass sie nicht entstehen würde, wenn man nur rechtzeitig anfängt, irgendwelche Erklärungen abzugeben. Das ist ein Irrtum.

Auch diese Wunde ist da. Vielleicht ist sie sogar ziemlich groß und schmerzhaft. Vielleicht liegt sie mal offen und mal ist sie verheilt. Vielleicht ist sie heute groß, morgen wieder klein, aber übermorgen aufgebrochen und das Blut läßt sich kaum stillen.

Und dann geraten die Eltern in Verzweiflung, Ohnmacht und Frustration. Das hat man sich nicht so vorgestellt. (Eltern haben ja auch ihre eignen, unsichtbaren Wunden)

Und dann kommt hoffentlich der Punkt, an dem du als Eltern den Schmerz des kleinen Wesens an dich ran läßt. Wo du es fühlen kannst, wo du selbst weinen könntest, weil du nachempfinden kannst, was das alles für eine verlogene Gefühlswelt ist. Kann sein, dass du selbst wütend wirst, weil das ja auch richtig doof ist, wenn man plötzlich die Nummer 2 sein soll und nicht mal richtig seine Gefühle zeigen kann und darf. Wie würdest du dich fühlen, wenn du von heute auf morgen die Nummer 2 an der Seite deines Partners währst? Man dir ungefragt jemanden vor die Nase setzt? Und doof ist es auch, wenn die Erwachsenen so sehr mit sich selbst und dem neuen Baby beschäftigt sind.

Mit etwas Glück bricht vielleicht alles auf und der ganze gestaute Dreck kommt ins Rollen. Das ist sicherlich kein Spaziergang in der Familie. Doch es kann so heilsam sein, weil die Erwachsenen nun mitfühlen können und Handlungen und Haltungen damit eine andere Grundlage bekommen.
Es wird plötzlich ok sein, wie man ist. Es wird entlastend sein, dass man mal weinen kann. Es wird dienlich sein mitten drin zu stehen in dem Feuer, dass alle so sehr zu vermeiden gesucht haben.

Gezeigt hat dir das dein Kind, mit seinem unverwechselbaren Verhalten. Ein Verhalten, dass du vielleicht zu korrigieren suchtest, dass aber im Grunde der Wegweiser war, um alles zu Hause wieder in einen natürlichen Fluss zu bringen.

Über die Jahre habe ich damit begonnen, diese turbulenten und explosiven Zeiten anders an mich heran zu lassen. Ich habe sie als einen Art Klingel an der Haustür zu verstehen gelernt, die mich aufmerksam machen will. dass ich irgendwelchen Türen und Fenster öffnen muß, um irgendwo Licht und Luft herein zulassen, weil sich etwas dehnen und weiten will.

Eine Mutter hat mir genau dies, nach einer Beratung mit folgenden Worten beschrieben:

„Es verändert sich also gerade ganz viel, wir sortieren uns neu. Das kostet uns Eltern enorm viel Kraft, vor allem der Spagat, beiden Kindern gerecht zu werden.“

Und ja, im Grund sind es die Kinder, die uns zeigen, wenn es mal wieder Zeit wird, sich neu zu sortieren. Wenn das geschehen ist, geraten die Dinge wieder in einen Fluss, genau so lange, bis es wieder irgendwo oder irgendwie staut.

Dieses Spiel zwischen Enge und Weite, zwischen Einatmen und Ausatmen, zwischen Begrenzung und Öffnung ist Entwicklung und Lernen.

 

Hier findest du Informationen zu  meinem nächsten Tagesseminar und hier einen Überblick über mein Beratungsangebot.

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