Forscherdrang oder blinde Zerstörungswut. Was Kinder so alles leitet?

Damals (vor ca. 12 Jahren) war das Drama schon groß, als mein Sohn (ca. 6) in der Schule einer Puppe den Kopf abriss. Ich wurde informiert. Die junge Besitzerin der Puppe war natürlich dem entsprechend irritiert. In der Folge Gespräche mit den Lehrern, Gespräche mit der Mutter des Mädchens. Versuche der Wiedergutmachung. Der Erwerb einer neuen, vergleichbaren Puppe. Wohl wissend, aus eigener Erfahrung, dass genau diese Puppe natürlich nicht wirklich zu ersetzen ist. Alles in allem wurde alles geregelt, mir wurde ein bestimmtes Bild zu meinem Sohn vermittelt und naja, was soll man sagen? Was will man machen? Man denkt sich etwas, man entschuldigt sich, man bittet den Sohn mit der Sache respektvoll umzugehen. So respektvoll eben, wie es ihm seinerzeit möglich war. 

Und dann ist mehr als ein Jahrzehnt vergangen und du erfährst als Mutter, ganz nebenbei bei einem Spaziergang, was sich damals wirklich zugetragen hat. Du erfährst zunächst einmal, dass dein Sohn nicht alleine in die ganze Angelegenheit verwickelt war, obwohl du die ganze Puppe alleine ersetzt hast. (grins)

Nein, du erfährst nach all den Jahren, dass es nicht ein wütender ungehobelter Klotz war, der dem Mädchen die Puppe raubte und sie sozusagen eiskalt ‚enthauptete‘, sondern, dass es der Forscherdrang der Jungs war. Du bekommst erzählt, dass es eine supertolle Puppe gewesen sei, die wohl in ihrem Inneren ein technologisches Geheimnis enthielt. 

So eine Puppe eben, die sprechen kann, die singen kann oder sonst irgendein nahezu „menschliche Regung“ zeigen kann. 

Und da sei dann eben der Wunsch gewesen zu ergründen, wie diese Puppe den wohl im Inneren aussehen würde? Da waren also ein paar Jungs, die wissen wollten, wie diese Puppe funktioniert. Es war wohl nicht die pure Zerstrungswut, rücksichtlos und rüde.

Nicht das ich die Verbindung des Mädchens mit der geliebten Puppe geringschätzen oder für unwichtig abtun möchte. Das zweifelsfrei schmerzhafte Ergebnis war für sie sicherlich gleich.

Ich möchte einfach nur darstellen, wie Lernen funktioniert. Ich möchte beschreiben, dass da eine Gegebenheit ist, ein Situation, bestimmte Interessen, denen es immer wieder zu folgen gilt. In diesem Fall für die Jungs.

Und da ist natürlich die Situation für das Mädchen. Der Fakt, die Tatsache, dass die Puppe zu Schaden gekommen ist und das Mädchen eine Verletzung ihres Innenlebens erfahren hat. Sie hatte einen Verlust zu bezeichnen. 

Und dann sind da die Erwachsenen, die natürlich bei einem Jungen, der einer Puppe den Kopf abreisst, nur ganz bestimmte Bilder im Kopf haben. Es entsteht ein etwas ungehobeltes Bild eines jungen Menschen. Und dementsprechend behandelt man den Vorgang unter den Erwachsenen. 

Ich habe mich nach dem Spaziegang mit meinem Sohn gefragt, wie Erwachsene wohl die Situation in anderer Form behandelt hätten, wenn damals die ‚wahre Ursache‘, das wahre Interesse der Jungs ans Licht gekommen wäre? Wenn man das Ganze hätte unter einem anderen, nicht so agressiven Aspekt hätte verbuchen können?

Wie wären Gespräche wohl in diesem Fall verlaufen? Wie hätte man mit den Kindern gesprochen? Wie hätte sich das auf die Auseinandersetzung mit den Themen des Mädchens ausgewirkt? 

  • Hätte es eine andere Wendung gegeben?
  • Hätte man andere Gespräche geführt, hätte man die Situation als einen ‚ganz normalen‘ Interessenkonflikt regeln können?
  • Hätte man für Ersatz sorgen können, ohne diesen Jungen damals einer wirklich rüden Tat zu bezichtigen?
  • Hätte man im selben Moment den Verlust des Mädchens wahrlich im Gespräch klären können?
  • Hätte es eine Situation werden können, die ein weiteres Stück ‚Lernen im Zwischenmenschlichen’ hätte sein können?

Sind es nicht genau diese normalen Situation, die freies, selbstbestimmtes Lernen auch ermöglichen und auch begrenzen? Sind es nicht genau diese zwischenmenschlichen Themen die das Lernen unter Kindern sozusagen ‚mehrdimensional‘ machen? Damit meine ich, dass Lernen so viel mehr ist, als das einzelne Kind mit Informationen zu füttern, die dann nurmehr wieder ausgespuckt werden sollen?

Nach dem Motto: Hier bin ich, ich will was über das Innenleben deiner Puppe wissen? Da bist du, der du die Puppe natürlich nicht zerfleddert haben willst. Wie handhabt man das? Wie geht man mit den ganz normalen Dingen des Zusammenlebens gerade auf dieser Ebene um?

Ich jedenfalls musste gestern schmunzeln, als die ganze Geschichte nach so vielen Jahren wieder in mir auftauchte und sozusagen umgeschrieben werden musste.

Ich konnte plötzlich diesen jungen Forscher sehen, diesen jungen Mann, der noch heute alles auseinander schraubt und im Gegensatz zu damals, auch wieder zusammensetzen kann. 

Das Leben zeichnet schon eigenwillige Geschichten. In der Rückschau, erklären sich viele Dinge oft ganz anders. 

Ich frage mich, wie viel Tausend Situationen im Zusammenleben mit Kindern man wohl falsch einschätzt und vor allem handhabt? Und trotzdem geht so vieles gut. Was meinst du?

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Wundersames Lernen
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