Benötigen wir wirklich einen Kinderknigge?Irgendwo zwischen Benimm und Selbstbestimmung.

Ich gehöre noch zu der Generation, die gelernt hat einen Knicks vor Erwachsenen zu machen, wenn ich das „richtige Händchen“ gebe. Das hat man mir seinerzeit regelrecht eingeimpft und ich erinnere mich sehr genau an die Zeit, als ich eine junge Erwachsene war. Es hat mich eine Menge Mühe gekostet, diese unsägliche Prägung wieder loszuwerden.
Selbst als ich erwachsen war, habe ich mich noch immer dabei beobachten können, dass ich innerlich einen Knicks machte. Ich kam mir dabei immer schrecklich vor, so eigenartig verstellt. Es war ein unangenehmes Gefühl.

Früher einmal ist man davon ausgegangen, dass man Kindern ein gesellschaftstaugliches Benehmen eingeben müsste. Man musste lernen, wo sein Platz in der Gesellschaft ist und wie man sich an der entsprechenden Stelle einzuordnen hat. Sprache, Kleidung, Statussymbole etc. gaben einen Hinweis darauf, dass jeder unmittelbar wahrnehme konnte, wie man sich gegenüber dieser oder jener Person zu benehmen hätte. Die Regeln und Grenzen waren zumeist klar und im Prinzip auch nicht zu überwinden. Man hat Kinder nicht als Persönlichkeiten wahrgenommen, wie man es heute, hoffentlich mehr und mehr, tut.

Früher war es so, dass Eltern ganz klar darüber entschieden haben, wie man sich im Lebensumfeld zu benehmen hatte. Es gab eine klare Vorstellung, wie ein Kind sich zu fügen hätte und wenn man diesen Vorstellungen nicht genügt hat, dann wurde höchstwahrscheinlich gestraft.

Heute hingegen ist es so, dass man Kinder als eigenständige Persönlichkeiten wahrnimmt und mit der Vorstellung lebt, dass Kinder eigene Interessen haben.

Mit dieser Betrachtungsweise habe ich versucht einen Kontext zu setzen. Wie so oft, möchte ich verdeutlichen, dass die Erziehungsfragen nicht mehr so leicht zu beantworten sind. Die Zeiten haben sich geändert und damit auch unsere Betrachtungsweisen. Es ist aber so, dass die Einstellungen und Haltungen meiner Ahnen noch immer in gewisser Weise in meinem System eingraviert sind. Der ‚innere Knicks‘ ist noch immer da, den kann ich nicht mehr ‚wegmachen‘. Ich kann dem ‚inneren Knicks‘ aber mit Bewusstheit begegnen und ihn an seinen Platz rücken.

Wir stehen also heute damit vor der Frage, wie man sich als Erwachsene, im Zusammenleben mit Kindern, im Spannungsfeld zwischen einem ‚gesellschaftstauglichen Benehmen‘ und den Ansprüchen an ein selbstbestimmtes Leben bewegt.

  • Wie begegnet man den Fragen dieser Zeit? (die sich früher in der Form gar nicht gestellt haben)
  • Wie können Kinder lernen was es bedeutet, sich im Kreise anderer angemessen zu verhalten?
  • Welche Rolle spielt die Selbstbestimmung in diesem Kontext?
  • Wer entscheidet eigentlich was angemessen ist und was nicht?
  • Wie lernt man Achtung und Wertschätzung gegenüber den eigenen und den Bedürfnissen der anderen?
  • Wie lernt man, andere so zu behandeln, wie man auch von anderen behandelt werden möchte?

In einer Zeit, in der Kinder in wachsendem Maße als eigenständige Persönlichkeiten wahrgenommen werden, ist es also kein Wunder, dass der Schrei nach den guten alten Zeiten, der ‚klaren Ansagen‘ und das Unterordnen unter einen unausgesprochenen Verhaltenskodex lauter eingefordert wird denn je. Der Schrei nach dem Weg hin zur alten, gewohnten Disziplin ist verständlich, denn das ‚Neue‘ müssen wir erst heranbilden. Das verunsichert. Wir müssen herausfinden, wie es geht, dass Kinder sich gut einfügen in ein System, was sich selbst mit den Nachwehen der Unterdrückung von grundlegenden Bedürfnissen, auseinandersetzen muss.

Was wir daher brauchen, ist in meinen Augen keine Neuauflage von irgendwelchen Kinderknigge- Ansätzen, sondern die reale Auseinandersetzung in einem Spannungsfeld zwischen ermöglichter Selbstbestimmung und einem von Integrität geprägten ‚gesellschaftlichem Benehmen’.

Wenn wir es in diesen Zeiten des Umbruchs in Denkweisen und Vorstellungen bezüglich Erziehung und Lernen mit so vielen Unbekannten zu tun haben, dann ist die einzige verlässliche Konstante, die ich mir vorstellen kann, jungen Menschen ein Höchstmaß an Vorbild zu sein.

Das würde bedeuten, dass ich mir als Erwachsen im Hinblick auf mich und mein Kind, folgende Fragen stelle:

  • Welches Maß an Selbstbestimmung kann ich meinem Kind von klein auf, wann, zugestehen?
  • Welche Zusammenhänge gibt es zwischen dem Zutrauen von Selbstbestimmung und respektvollem Verhalten?
  • Welche Unterstützung braucht ein Kind, um durch ‚try ans error‘ herauszufinden, wie man sich anderen gegenüber respektvoll verhält, ohne sich selbst zu verleugnen?

Mir scheint die schwierigste Herausforderung vor wie nach, die zu sein, mich als verantwortlicher Erwachsener mehr in einem Spannungsfeld von Fragestellungen zu verstehen.
Auf Grund unserer eigenen Erziehung sind wir diese Denkweisen nicht gewohnt. Auch in der Erziehung haben wir viel zu viel statisch denken gelernt.
Im Umgang mit Kindern sind wir noch kaum in der Lage zu verstehen, dass im übertragenen Sinn, Licht sowohl Welle als auch Teilchen sein kann. Sprich, es ist eine größere Geschmeidigkeit in meinen Denkweisen gefragt und das statische ‚richtig‘ und ‚falsch‘ will ersetzt werden.

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Der innere Navigationssystem in Erziehungsfragen ist damit ein anderes. Es orientiert sich nicht mehr so sehr nach dem Äußeren (einem Knigge jedweder Art), sondern nach dem Innersten der Eltern. Das ist das ‚Neue‘ und das Unbekannte Land.

Reiselustig geworden?

 

In meinem Buch Jenseits aller Erziehungsvorstellungen lade ich durch meine Geschichten, die berühren, immer wieder dazu ein, das Land jenseits unserer gängigen Erziehungsvorstellungen zu betreten und zu erforschen.

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2 Responses to Benötigen wir einen Kinderknigge? Irgendwo zwischen Benimm und Selbstbestimmung

  1. Jessica S. sagt:

    Liebe Uta,
    herzlichen Dank einmal wieder für deinen lesenswerten, zum Nachdenken und Nachfühlen anregenden, Beitrag. Den Blog habe ich gerade “ wie für mich bestellt“ gelesen und fühle mich gleich etwas wohler mit mir, musste ich doch heute (und nicht nur da) eine Situation begleiten, die ein deutliches Spannungsfeld darstellte, Unsicherheiten und Fragen aufwarf und ziemlich viel unbekanntes Land ans Licht brachte… Wir sind wohl auf einem Trainings-Planeten und lernen jedes Tag aufs Neue dazu. Mal mehr, mal weniger. Mal mit mehr Hingabe, Lust und Kraft und mal zurückhaltender und kraftloser. Ich spüre täglich wie uns unser Sohn herausfordert (auch durchaus überfordert) und uns dadurch in die Präsenz zwingt, einfach durch sein So-Sein. Es ist ein Weg, den wir gehen und wenig getretene Pfade helfen hier die Orientierung beizubehalten. Es gilt daran sich selbst Orientierung zu geben, es immer wieder aufs Neue zu versuchen. Und „Scheitern“ gehört wohl dazu. Auch das spüre ich.
    Herzliche Grüße aus
    Süd Hessen mal von dieser Stelle aus,
    Jessica

    • Uta Uta sagt:

      Liebe Jessica, ich hab‘ mich gefreut deinen Kommentar zu lesen. Jaaaaa, da sagst du was. Ich dank dir. Ich wünsch euch was….LG Uta

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